Was tausendfünfhundert Tage TryHackMe mir gezeigt haben, und warum digitale Gamification auch eine Falle ist
Tausendfünfhundert Tage. So lange habe ich jeden einzelnen Tag auf TryHackMe etwas gemacht. Keine Lücke, keine Ausnahme, nicht an Weihnachten, nicht im Urlaub, nicht mit Fieber. Heute breche ich diesen Streak ab. Mit Absicht.
Das ist kein Scheitern. Es ist eine Entscheidung. Und sie hat mehr mit meiner Haltung zu Technik zu tun, als es auf den ersten Blick aussieht.
Mein Profil mit dem Streak: tryhackme.com/p/pw1.
Was ein Streak wirklich ist
Ein Streak ist eine Zahl, die nur eine Richtung kennt. Sie wächst, solange du lieferst, und sie stirbt in dem Moment, in dem du einen Tag auslässt. Genau diese Asymmetrie macht sie so mächtig. Zurück an den Rechner zieht dich nicht der Gewinn von morgen. Es ist die Angst, etwas zu verlieren, das du über Jahre aufgebaut hast.
Diese Angst hat einen Namen. Verlustaversion. Menschen fürchten einen Verlust stärker, als sie sich über einen gleich großen Gewinn freuen. Wer Produkte baut, weiß das. Der Streak ist nicht in erster Linie eine Lernhilfe. Er ist eine Bindung. Die oft Jerry Seinfeld zugeschriebene Regel „don’t break the chain“ wirkt deshalb so gut, weil sie aus Lernen ein tägliches Schuldverhältnis macht.
Der Moment, in dem die Zahl das Ziel frisst
Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr für das Lernen einlogge, sondern für die Zahl. An manchen Tagen reichte eine Minute. Schnell eine triviale Aufgabe, Haken dran, Streak gerettet, weiter im Alltag. Das Lernen war längst zur Nebensache geworden, der Zähler zur Hauptsache.
Dafür gibt es ein schönes Gesetz. Sobald eine Kennzahl zum Ziel wird, taugt sie nicht mehr als Maß. Der Streak sollte zeigen, dass ich dranbleibe. Am Ende habe ich nur noch den Streak bedient und nicht mehr das, wofür er stand. Das ist der Punkt, an dem ein gutes Werkzeug anfängt, gegen dich zu arbeiten.
Gamification ist Casino-Mechanik mit Lernlack
TryHackMe ist dabei kein Einzelfall. Dieselben Mechaniken stecken überall. Die Sprach-App mit der Flamme, die dich anfleht, bloß nicht aufzuhören. Die Fitness-Ringe, die du schließen musst. Die Punkte, Abzeichen und Ranglisten in Tools, die mit Lernen oder Produktivität eigentlich gar nichts zu tun haben.
Die Bausteine stammen aus dem Spielautomaten. Variable Belohnung, Fortschrittsbalken, der soziale Vergleich über Ranglisten, die künstliche Verknappung über ein tägliches Zeitfenster. Das ist keine Verschwörung, es ist schlicht das, was Nutzungszahlen hochhält. Deine tägliche Rückkehr ist die Kennzahl, auf die das Produkt optimiert wird. Dein Lernerfolg ist bestenfalls ein netter Nebeneffekt.
Warum ich trotzdem nichts bereue
Jetzt die ehrliche Gegenrechnung, denn so einfach ist es nicht. Dieser Streak hat mich tatsächlich tausendfünfhundert Tage am Thema gehalten. Ohne die Mechanik hätte ich an vielen müden Abenden nichts gemacht. Gamification funktioniert, das ist ja gerade das Problem. Sie ist ein hervorragender Motor, um eine Gewohnheit überhaupt erst zu starten.
Der Fehler liegt woanders. Ich habe irgendwann vergessen zu fragen, ob der Motor noch in meine Richtung läuft. Eine Gewohnheit, die sich selbst trägt, braucht die Krücke nicht mehr. Ab da ist die Krücke nur noch eine Leine.
Die Haltung dahinter
Ich zerlege Systeme, um zu verstehen, wie sie funktionieren, und um dann selbst zu entscheiden, ob sie mir dienen oder ich ihnen. Das gilt für einen Bestellprozess, für einen Login, und genauso für einen Streak-Zähler. Wer die Mechanik durchschaut, kann sie nutzen, solange sie passt, und sie wegwerfen, sobald sie anfängt zu bestimmen.
Den Streak abzubrechen ist genau dieser Schritt. Ich hole damit die Kontrolle über meine Aufmerksamkeit zurück. Die Flamme erlischt, das Lernen nicht. Ich entscheide ab morgen wieder selbst, wann und warum ich mich hinsetze.
Zum Mitnehmen
Ein Streak ist ein gutes Werkzeug und ein schlechter Chef. Solange die Zahl dir hilft dranzubleiben, nimm sie mit. In dem Moment, in dem du nur noch die Zahl fütterst, hat sie dich. Die eigentliche Fähigkeit ist nicht, tausendfünfhundert Tage durchzuhalten. Sie ist, zu merken, wann eine Zahl dich besitzt, und sie dann gehen zu lassen. Frag dich bei jeder Flamme, jedem Ring und jeder Rangliste in deinen Apps nur das eine: Läuft das noch in meine Richtung?
